Paul Kammerer – Biologe, den die ganze Welt kritisierte

Paul Kammerer – ein Experimentalzoologe, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach den Mechanismen der Vererbung erworbener Eigenschaften bei Amphibien forschte – wurde des Betrugs beschuldigt. Den Rufmord nicht ertragend, nahm er sich das Leben. Eine moderne Studie im Bereich der Epigenetik, veröffentlicht im „Journal of Experimental Zoology“, bestätigte jedoch Kammerers Rechtmäßigkeit. Mehr über sein Leben und seine wissenschaftliche Karriere erfahren Sie hier: viennaname.eu

Das umstrittene Experiment

Der zukünftige Zoologe wurde am 17. August 1880 in Wien geboren. Schon in jungen Jahren zeigte der Junge eine große Liebe zu Tieren. Er liebte es, mit Fröschen und Salamandern zu spielen. Im Alter von 19 Jahren inskribierte er an der Fakultät für Zoologie der Universität Wien. 1902 gründete der Zoologe Hans Przibram im Wiener Prater das „Vivarium“. Er bat Paul, ihm beim Einrichten der Terrarien und Aquarien für Kleintiere zu helfen. Bald entwickelte sich zwischen ihnen eine Freundschaft, und Kammerer blieb dort, um zu arbeiten. 

Im „Vivarium“ waren alle notwendigen Bedingungen für die Durchführung verschiedener Experimente geschaffen. Die Laboratorien waren auf dem neuesten Stand der Technik. Kammerer nutzte sie für sein skandalöses Experiment mit Geburtshelferkröten. Sie werden so genannt, weil die Männchen den Laich in Form von Schnüren tragen. Zudem leben und vermehren sich diese Amphibien nicht im Wasser, sondern an Land. Nach unzähligen Experimenten bewies Kammerer, dass sie im Wasser existieren können, vorausgesetzt, es wird eine hohe Umgebungstemperatur geschaffen. 1923 fertigte der Zoologe Schnitte der „Brunftschwielen“ der Männchen an, fotografierte sie und präsentierte die Bilder bei seinen Vorlesungen an der Yale University. Die Studenten waren von Kammerers Erzählungen beeindruckt. Die „New York Times“ berichtete innerhalb eines Monats mehrmals über ihn und nannte Paul den zweiten Darwin. Zum ersten Mal in seinem Leben verdiente er viel Geld. 

Nach seiner Rückkehr nach Wien wurde Kammerer von Gladwyn Noble, einem amerikanischen Reptilienexperten, besucht. Dieser betrachtete nicht nur die Fotografien, sondern sah auch die Schwielen der Männchen mit eigenen Augen. Kurz darauf schrieb Noble in den Zeitungen, der Wiener Biologe habe den Kröten lediglich Tusche unter die Haut injiziert und versuche, alle zu täuschen. Kammerer war fassungslos, fand jedoch heraus, dass sich in den von ihm ausgewählten Exemplaren tatsächlich Tusche in den Gliedmaßen befand. Seiner Meinung nach hatte einer seiner Assistenten die Tinte injiziert. Der Skandal, der daraufhin ausbrach, war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Alle Bekannten und Freunde beschuldigten ihn der Lüge. Selbst jene Biologen, die Paul nicht für einen Betrüger und Lügner hielten, behaupteten, er habe die Ergebnisse seiner Experimente falsch interpretiert.

Selbstmord und die Wiederherstellung des wissenschaftlichen Rufs

Sechs Wochen später hielt Kammerer den Anschuldigungen nicht mehr stand und nahm sich das Leben. Am Morgen des 22. September 1926 verließ der 46-jährige Paul das Hotel „Zur Rose“. Am Theresienfelsen angekommen, setzte er sich, lehnte sich an die kalte Felswand, zog einen Revolver aus seiner Anzugtasche und schoss sich in die linke Schläfe. Über 80 Jahre lang galt Kammerer als Betrüger. Inzwischen gibt es jedoch immer mehr Beweise dafür, dass er die Ergebnisse seiner Experimente nicht gefälscht hat. 

Im Jahr 2009 beschloss Professor Alexander Vargas von der Biologischen Fakultät der Universität Chile, Kammerers Experimente zu analysieren. In dem von ihm veröffentlichten Artikel wird dargelegt, dass der Forscher kein Betrüger war, sondern ein Pionier der epigenetischen Mechanismen, der seiner Zeit voraus war. So legten die von Kammerer beschriebenen „Wasser“-Kröten kleinere Eier und ihre Körpergröße nahm zu. Heutzutage ist bereits bewiesen, dass diese Veränderungen oft durch DNA-Methylierung, Heterochromatin-Bildung und andere Methoden verursacht werden, mit denen tatsächlich bestimmte Gene „zum Schweigen gebracht“ werden können.

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