Der Name der gebürtigen Wienerin Lise Meitner ist weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt. Das liegt vor allem daran, dass sie eine sehr wichtige Rolle bei der Entwicklung der Kernwaffen spielte. Der Beitrag, den diese Frau für die Wissenschaft geleistet hat, ist unschätzbar, schreibt viennaname.eu.
Kindheit und Jugend

Die zukünftige Wissenschaftlerin wurde im November 1878 in Wien geboren. Sie war das dritte von acht Kindern des jüdischen Ehepaares Philipp und Hedwig Meitner. Der Vater des Mädchens arbeitete als Rechtsanwalt und konnte so die große Familie mit allem Notwendigen versorgen. So fuhr die Familie Meitner beispielsweise jeden Sommer für einige Wochen in die Berge, um sich zu erholen.
Philipp und Hedwig brachten ihren Kindern schon früh die Liebe zur Musik nahe. Lise spielte sehr gut Klavier. Das Familienoberhaupt war der Meinung, dass seine Söhne und Töchter eine angesehene Ausbildung erhalten sollten. Doch als für Lise die Zeit kam, an die Universität zu gehen, war ihr dies nicht möglich. Der Grund dafür war, dass Frauen dort nicht zugelassen waren. Erst als sich gesellschaftliche Veränderungen abzeichneten, holte das Mädchen die Matura in nur zwei Jahren nach. Und im Jahr 1901 wurde Meitner Studentin an der Universität Wien. Sie entschied sich für das Fach Physik und sollte es nicht bereuen. Bereits vier Jahre später erlangte sie den Doktortitel.
Erfolgreiche wissenschaftliche Karriere

Im Alter von 29 Jahren zog Lise nach Berlin. Dort begann sie, die Vorlesungen von Max Planck, dem Begründer der Quantenphysik, zu besuchen. Offiziell konnte Meitner nicht seine Studentin werden, da die Universität, an der der Wissenschaftler lehrte, für Frauen nicht zugänglich war. Planck gelang es jedoch, eine Sondergenehmigung zu erwirken, die es dem talentierten Mädchen erlaubte, als Gasthörerin an seinem Kurs teilzunehmen.
Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, ging Lise an die Front, wo sie in Feldlazaretten bei Röntgenaufnahmen half. Nach Kriegsende setzte Meitner ihre Forschungen fort. Im Jahr 1917 entdeckten sie und Otto Hahn das langlebige Isotop des Protactiniums. Dieses Element war zwar schon früher von Wissenschaftlern untersucht worden, hatte sich aber damals aufgrund des radioaktiven Zerfalls innerhalb weniger Minuten in Actinium umgewandelt. Hahn und Meitner entdeckten sein stabileres Isotop.
1923 machte Lise eine weitere wichtige Entdeckung – den strahlungslosen Quantenübergang, bei dem ein angeregtes Atom in einen instabilen Zustand übergeht und dabei ein Elektron emittiert. Im Jahr 1926 wurde sie die erste Frau, die eine Professur für Physik an der Berliner Universität erhielt. Nach der Machtübernahme Hitlers im Jahr 1933 mussten Juden den Staatsdienst verlassen. Meitner gelang es, ihre Stelle zu behalten, da sie die österreichische Staatsbürgerschaft besaß. Trotz allem blieb sie in Deutschland. 1938 verließ sie jedoch das Land und überquerte heimlich die Grenze zu den Niederlanden. Die Frau ließ ihr gesamtes, über Jahre hinweg angesammeltes Vermögen zurück und erfuhr erst nach ihrer Abreise, dass ihr Schwager in ein Konzentrationslager gebracht worden war. Lise entschied sich für Schweden, wo sie ihre Forschungen fortsetzte, den Kontakt zu Otto Hahn aufrechterhielt und sich über wissenschaftliche Untersuchungen austauschte.
Der Nobelpreis für ein Experiment

Im Jahr 1938 schrieb Otto Hahn einen Brief an Meitner. Darin berichtete er ihr von den Ergebnissen eines Experiments, das er gemeinsam mit Fritz Straßmann durchgeführt hatte. Zu dieser Zeit hatten italienische und französische Forschergruppen entdeckt, dass beim Beschuss von Uran mit Neutronen neue schwere Elemente entstehen. Hahn und Straßmann hatten bei ihren Forschungen erwartet, schwere Radium-Isotope zu erhalten, fanden im Produkt des Beschusses jedoch Barium, das überhaupt keine Beziehung zu Uran hatte. Hahn bat Meitner, darüber nachzudenken und einen Kommentar dazu abzugeben.
Lise führte zusammen mit ihrem Neffen Otto Frisch Berechnungen durch und kam zu dem Schluss, dass ein Atom tatsächlich wie ein Wassertropfen gespalten werden kann. Wenn es jedoch eine Spaltung gibt, bei der neue Elemente entstehen, wird eine große Menge an Energie freigesetzt. Ihre Vermutungen veröffentlichte die Wissenschaftlerin im Jahr 1939. Für seine Arbeit erhielt Otto Hahn 1945 den Nobelpreis für Chemie. Während der Zeremonie wurde vorgeschlagen, auch Meitner auszuzeichnen. Da sie das Institut jedoch einige Monate vor der Entdeckung verlassen hatte, entschied das Komitee, dass ihr Beitrag zum Experiment unbedeutend war.
Die Entwicklung der Kernwaffen

Die langjährige Arbeit von Hahn und Meitner veränderte die Welt für immer. Sie wurde zur Grundlage für die Schaffung des „Manhattan Project“, das zur Entwicklung von Kernwaffen führen sollte. Lise weigerte sich aus ethischen Gründen, daran teilzunehmen. Ihr Neffe Otto Frisch hingegen stimmte zu. Zusammen mit Rudolf Peierls verfasste er ein Memorandum, das die Möglichkeit einer Atomexplosion durch die Spaltung des Atomkerns mit der Freisetzung großer Energiemengen beschrieb. Dieses Memorandum wurde später für das „Manhattan Project“ verwendet. Fast ihr ganzes Leben lang machte sich Lise Vorwürfe, unfreiwillig bei der Entwicklung einer tödlichen Waffe geholfen zu haben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Meitner ihre wissenschaftliche Arbeit fort. Sie wurde dreimal für den Nobelpreis nominiert, erhielt ihn aber nie. 1949 wurde ihr die Max-Planck-Medaille verliehen.
Am 27. Oktober 1968 verstarb die Wissenschaftlerin. Ihre letzten Tage verbrachte sie in Gesellschaft ihres Neffen, dem sie sehr zugetan war. Für ihre Arbeiten erlangte Meitner Anerkennung und Respekt in der Welt der Wissenschaft. Ihr zu Ehren wurden zwei Krater auf dem Mond und der Venus sowie das chemische Element Nr. 109, Meitnerium, benannt.
Aus all dem lässt sich schließen, dass Lise eine talentierte Frau war, die trotz aller Hindernisse ihr Ziel verfolgte. Dadurch konnte sie eine bemerkenswerte Karriere aufbauen und sich weltweit einen Namen machen.
