Vergessene Lokomotivfabrik in Wien

Anfang des 18. Jahrhunderts zählte die „Wiener Neustädter Lokomotivfabrik“ in Wien zu den größten Lokomotivfabriken der österreichisch-ungarischen Monarchie. Ihre Geschichte ist reich und interessant, und darüber werden wir hier sprechen viennaname.eu.

Wie alles begann

Ab 1841 erlebte die Eisenbahn in Wien eine rasante Entwicklung. Entsprechend stieg auch die Nachfrage nach Rollmaterial für den Personen- und Güterverkehr. Im Jahr 1842 schloss Karl von Prevenhueber, der Schwiegersohn eines bekannten Unternehmers, mit Wenzel Günther einen Vertrag über den Bau einer Lokomotivfabrik. Die beiden erwarben ein kleines Grundstück im Nordosten Wiens, auf dem sich zuvor eine Baumwollspinnerei und eine Waffenfabrik befunden hatten.

Im Jahr 1845 lösten die Partner den Gesellschaftsvertrag auf. Günther wurde zum alleinigen Eigentümer des Unternehmens. 1850 nahm das Unternehmen erstmals an einem staatlichen Wettbewerb für die Konstruktion einer Lokomotive für die Semmeringbahn teil. Es präsentierte seine Dampflokomotive „Wr.-Neustadt“ und belegte den ehrenvollen zweiten Platz.

1853 erhielt Günther eine Sondergenehmigung, die es ihm erlaubte, den Namen der Fabrik in „k.k. Locomotive & Maschinen-Fabrik Wiener Neustadt“ zu ändern. Zu dieser Zeit waren dort bereits über 200 Mitarbeiter beschäftigt. 1858 übertrug er die Leitung des Unternehmens an die „Österreichische Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe“, die bedeutende technische Neuerungen durchführte.

1860 wurde die „k.k. Locomotive & Maschinen-Fabrik Wiener Neustadt“ an Georg Sigl verpachtet und 1861 endgültig an ihn verkauft. Der neue Eigentümer machte das Unternehmen zu einer großen und erfolgreichen Lokomotivfabrik. Bis 1870 wurde bereits die 1000. Lokomotive hergestellt, und die Belegschaft zählte fast 3000 Mitarbeiter. 1870 erwarb Sigl ein Baugrundstück in der Pottendorfer Straße und errichtete dort mehrere neue Werkshallen. Zum Produktsortiment der Fabrik gehörten neben Lokomotiven auch Kessel, Druckmaschinen und andere Maschinen, die große Beliebtheit erlangten und weltweit eingesetzt wurden.

Im Jahr 1873 kam es zum Börsenkrach, und dem Eigentümer blieb nichts anderes übrig, als seine Fabrik an die Firma „Schoeller & Co.“ zu verkaufen, die sie bald darauf in die „Aktien Gesellschaft der Lokomotiv-Fabrik vormals G. Sigl“ umwandelte.

Niedergang nach dem Aufstieg

Von 1907 bis 1912 wurden neue Fabrikgebäude errichtet. Das alte Fabriksgebäude wurde stillgelegt. 1910 wurden darin Kasernen eingerichtet, in denen zunächst das Bosnisch-Herzegowinische Infanterie-Regiment Nr. 1 und später das 4. Bataillon untergebracht war. Während des Ersten Weltkriegs wurde die alte Fabrik zu einem Kriegsgefangenenlager. Am 10. Juli 1916 zerstörte ein Tornado in Wien den größten Teil der Fabrikanlagen. Sie wurden jedoch bald wieder aufgebaut.

Nach dem Ersten Weltkrieg war die Produktion in der „Wiener Neustädter Lokomotivfabrik“ stark eingeschränkt, und die Belegschaft schrumpfte auf wenige hundert Personen. 1930 hörte die „Aktien Gesellschaft der Lokomotiv-Fabrik vormals G. Sigl“ auf zu existieren, was folglich das Ende für die „Wiener Neustädter Lokomotivfabrik“ bedeutete. Jedoch wurde die Lokomotivfabrik bald darauf als Zweigwerk der Wiener Lokomotivfabrik Floridsdorf wiedereröffnet.

Nach dem Anschluss Österreichs übernahm das deutsche Unternehmen „Henschel & Sohn“ die Leitung des Werks. Um die Lokomotivproduktion zu maximieren, wurde die Fabrik erheblich erweitert. Ab Mai 1942 firmierte die ehemalige „Wiener Neustädter Lokomotivfabrik“ unter dem Decknamen „Rax-Werk Ges.m.b.H“. Ab 1943 wurden hier Teile für die A4(V2)-Raketen gefertigt. Diese Arbeiten wurden von Häftlingen aus dem Konzentrationslager Mauthausen verrichtet. 1945 wurden nach zahlreichen Bombenangriffen alle Werkshallen zerstört. Damit endete ihre Geschichte.

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