Toiletten gelten als eine grundlegende Errungenschaft der Zivilisation und ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Raums. Die Geschichte der öffentlichen Toiletten in Wien ist sehr interessant, mehr darüber erfahren Sie auf viennaname.eu.
Große „Innovation“

Ende des 18. Jahrhunderts lebten viele Menschen in Wien, auf den Straßen verkehrten Transportmittel und laute Menschenmengen waren unterwegs. Im Sommer stank die Stadt fürchterlich nach Fäkalien und Urin, da die Bürger ihre Notdurft an den Wänden ihrer eigenen Häuser und öffentlicher Einrichtungen verrichteten.
Die Obrigkeit versuchte auf jede erdenkliche Weise, für Ordnung zu sorgen, und einer der zahlreichen Versuche waren die Dienste der „Buttenweiber“ und „Buttenmänner“. Diese Männer und Frauen zogen durch die belebten Straßen und Parks Wiens und boten ihre Dienste fast bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts an.
Sie trugen lange, schwarze Mäntel und hielten große Holzeimer in den Händen. Jeder, der dringend seine Notdurft verrichten musste, konnte sich einen Eimer nehmen und ihn direkt an Ort und Stelle benutzen. Ein gewisses Maß an Privatsphäre wurde durch den Mantel der „Butten“ gewährleistet.
Dennoch verrichteten die Wiener ihre Notdurft weiterhin auf den Straßen der Stadt. Dies führte dazu, dass im Prater Wege gesperrt und mit Kies aufgeschüttet werden mussten, um den Urin zu trocknen.
Im Jahr 1820 unternahm die Obrigkeit Versuche, die Verrichtung der Notdurft durch die Menschen zu regulieren. Gasthäusern wurde befohlen, Menschen kostenlos ihre Toiletten benutzen zu lassen. An stark frequentierten Orten wurden Abflussrinnen angelegt.
Bald darauf beschloss die Wiener Regierung, dem Beispiel anderer ausländischer Städte folgend, im gesamten Stadtgebiet Toiletten zu errichten. Zu diesem Zweck wurde eine spezielle Kommission gebildet, die sich mit der Einrichtung und Gestaltung öffentlicher Bedürfnisanstalten befasste.
1873 fand in Wien die Weltausstellung statt. Damals wurden den Bürgern erstmals mehrere mobile Toiletten vorgestellt. Bald stank es in diesen Toiletten fürchterlich, sie waren schmutzig und sehr eng.
Ebenso bewährten sich die Pissoirs nicht, die 1830 nach Pariser Vorbild aufgestellt wurden. Sie waren im Inneren von Werbesäulen versteckt, und wegen des ständigen Uringeruchs begannen die Leute, sich zu beschweren und zu protestieren.
1861 wurden aus London spezielle schneckenförmige Anlagen nach Wien gebracht und installiert, aber sie erwiesen sich als unbrauchbar.
Großer Schaden für die Umwelt

Da die Menschen der Umwelt großen Schaden zufügten, unternahm der Stadtrat viele verschiedene Versuche, die sich jedoch als erfolglos erwiesen.
Besonders nachts verrichteten die Bürger ihre Notdurft unter Bäumen. Im Jahr 1870 wurde eine Untersuchung der Bäume im Stadtzentrum durchgeführt. Dabei wurde festgestellt, dass menschlicher Urin die Hauptursache dafür war, dass sie nicht wuchsen.
1873 gab es in Wien ausreichend Wasser, da die erste Hochquellenwasserleitung in Betrieb genommen wurde. Um den Gestank zu beseitigen, wurden etwa 100 öffentliche Toiletten mit Spülsystemen ausgestattet. Dies war jedoch nicht rentabel, da eine einzelne Toilettenkabine etwa 300 Liter Wasser pro Stunde verbrauchte.
Die Entwicklung von Beitz
Im Jahr 1883 erteilte der Gemeinderat Wilhelm Beitz die Genehmigung, an bestimmten Orten öffentliche Bedürfnisanstalten zu errichten.
Beitz schuf zwei Arten von Toiletten. Die einen waren groß, hatten eine rechteckige Form und bestanden aus Eisen und Holz. Im Inneren befanden sich voneinander abgetrennte Kabinen, sodass sie sowohl von Männern als auch von Frauen genutzt werden konnten.
Die zweiten waren kleine, an der Wand befestigte Pissoirs. 1883 wurde auf der Landstraße das erste Pissoir für beide Geschlechter installiert.
Die neuen Pissoirs erfreuten sich besonders bei den Männern großer Beliebtheit. Beitz hatte sie mit einem auf Öl basierenden Siphon mit einer desinfizierenden und geruchsneutralisierenden Flüssigkeit entwickelt.
Die Entwicklung der öffentlichen Toiletten

Ab 1900 gab es in Wien immer mehr öffentliche Toiletten. Sie wurden sowohl in Gebäuden als auch als freistehende Anlagen errichtet. Die Obrigkeit bemühte sich, die öffentlichen Toiletten für die Wiener attraktiv zu machen und die Bewohner von der Nützlichkeit ihres Besuchs zu überzeugen.
Ein Beispiel dafür ist die unterirdische Toilette am Graben, die 1905 eröffnet wurde. Sie war unterirdisch angelegt, und die Treppe, die hinunterführte, war mit vielen Blumen geschmückt. Diese öffentliche Bedürfnisanstalt war für Frauen zugänglich. Im Inneren plätscherte ein Brunnen, in einer Kristallschale schwammen Goldfische, und außerdem gab es in der Toilette elektrische Beleuchtung sowie heißes und kaltes Wasser.
Ein wahrer Luxus waren die Toilettensitze aus Teakholz, auf denen es sich für die Besucherinnen bequem sitzen ließ. Allerdings war diese Toilette eine der wenigen, die zur gehobenen Klasse gehörten.
In Wien gab es zwei Klassen von Toiletten. In denen der ersten Klasse gab es ein Waschbecken, einen Spiegel, Seife, einen Kamm und ein Handtuch. Der Besuch einer Toilette zweiter Klasse war billiger, da es dort praktisch keine Hygieneartikel gab. Für Sauberkeit und Ordnung in solchen Einrichtungen sorgte eine Frau.
Die öffentliche Toilette zweiter Klasse diente als Treffpunkt. Es gab weder Trennwände noch Kabinen. Während der Verrichtung ihrer Notdurft saßen die Menschen nebeneinander und unterhielten sich. Diese „Tradition“ hielt sich lange Zeit.
Was die Preise betrifft, so war der Besuch einer öffentlichen Toilette in Wien im weltweiten Vergleich günstig. Im Jahr 1914 zahlten die Menschen für den Eintritt in eine Toilette erster Klasse 10 Heller, während es in Paris 29 und in London 30 waren.
Die modernen öffentlichen Toiletten in Wien sind komfortabel und praktisch, sie sind sauber, bequem und werden von Touristen und Einheimischen gerne besucht.
